Der Anfang vom Ende?

Nach dem schönen Weihnachtsfest mit Mias Familie letztes Jahr hatte Wilhelm ein sehr schönes Jahr. Es war das schönste seit dem Tod seiner Frau. Er hatte dank dieses unbekümmerten fröhlichen Mädchens und ihres Zwillingsbruder Leon eine unbeschwerte Zeit, die er sehr genoss. Manchmal lächelte er, wenn er daran dachte wie grummelig er noch vor einem Jahr gewesen war.

Für Mias Familie wiederum war es ein Segen, dass Wilhelm da war. Er war so etwas wie ein Großvater geworden. Er sprang oft mal ein, wenn beiden Eltern noch arbeiten mussten und das Au-pair-Mädchen frei hatte. Die Zwillinge freuten sich jedes Mal, wenn er da war. Am schönsten war es, wenn er über Nacht blieb. Meistens las er den Kindern etwas vor. Er war ein guter Vorleser und die Kinder hörten ihm gespannt zu.

Im Sommer hatten Mias Eltern ihn sogar eingeladen mit ihnen die Großeltern in Schweden zu besuchen. Mal abgesehen von den gefühlten 1 Millionen Mücken, war die Zeit wirklich unvergesslich. Es hatte so etwas von „Ferien auf Saltkrokan“. Das Buch hatte er nie gelesen, aber den Film aus den 60-er Jahren gesehen, der regelmäßig über die Flimmerkiste lief. Kaum das sie wieder in Köln waren, kaufte er sich das Buch. Es wurde eines seiner Lieblingsbücher. Die kleine Tjorven erinnerte ihn sehr an Mia. Und bei der Freundschaft zwischen Tjorven und Herrn Melcherson, welcher zwar nicht viel gemein hatte mit ihm, musste Wilhelm an seine Freundschaft mit Mia denken.

Als die Ferien zu Ende gingen, kam endlich der große Tag auf den Mia schon so lange hingefiebert hatte: Ihr erster Schultag. Wilhelm hatte es sich nicht nehmen lassen, für Mia und Leon je eine große Schultüte zu basteln. Er war so glücklich, dass er wieder Familienanschluss hatte. Irgendwie hatte er das ja seinem ungewollten Ausflug mit Mia in die magische BOKX zu verdanken. Oft dachte er daran, dass er sich nur sehr Widerwillig auf das unfreiwillige Abenteuer im letzten Jahr eingelassen hatte. Aber um nichts in der Welt bereute er dieses Abenteuer. Denn am Ende war er überglücklich über sein neues Leben.

Mia war so aufgeregt. Endlich sollte sie lesen lernen. Seit langem hatte sie den Wunsch endlich lesen zu können und ganz alleine all die Abenteuer erleben. Ein bisschen lesen hatte Wilhelm ihr ja schon beigebracht, aber es waren nur wenige Worte die sie lesen konnte. Sie war überzeugt, dass sie, sobald sie in der Schule war, alle Wörter ganz schnell lesen könnte. Sie war jetzt aber schon fast vier Monate in der Schule und sie hatte begriffen, dass das mit dem Lesen gar nicht so einfach war. Und wenn sie ganz ehrlich war, dann genoss sie es, wenn Wilhelm ihr vorlas. Er machte es immer so schön spannend.

Mia und Wilhelm saßen im Wohnzimmer. Es der erste Dezember und draußen war es, wie man im Rheinland sagt, uselig. Man konnte eigentlich nur gemütlich auf dem Sofa sitzen und genau das taten die beiden. Jeder von ihnen hatte eine Tasse heiße Schokolade vor sich und zwischen den beiden Tassen stand eine große Dose mit Weihnachtsplätzchen. Diese hatten ihre ganze Familie mit Hilfe von Wilhelm und dem Au-Pair-Mädchen letztes Wochenende gebacken.

„Du Wilhelm?“ Mia schaute ihn mit großen Augen an. „Meinst du wir könnten nochmal in den magischen offenen Bücherschrank?“ „Keine Ahnung“, antwortete Wilhelm, „das war ja Magie.“ „Los komm, lass es uns einfach ausprobieren. Wir nehmen unsere Lieblingsbücher mit, in die wir reinwollen.“ Bei der Vorstellung sprang Mia aufgeregt vom Sofa auf und hüpfte durch das ganze Wohnzimmer. „Ich nehme alle meine Astrid Lindgren Bücher mit.“ „Alle?“, sagte Wilhelm entsetzt,“ Wer soll die alle tragen?“ Aber Mia war schon aus dem Zimmer gestürmt, um die Bücher zu holen. „Schau mal hier. Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf, Karlson vom Dach, Tomte Tummetott und Kalle Blomquist.“ Wilhelm nahm das erste Buch und fing an zu lesen: „Brö-derna Lej onhjärta. Aber Mia, das ist ja schwedisch. Das kann ich nicht verstehen. Also wenn, dann bräuchten wir die Bücher in deutsch.“

„Und außerdem“, fügte er mit fester Stimme hinzu, „wie kommen wir in den Schrank? Wie gesagt, es war Magie.“ Während Mia mit einem „Mmh“ lautmalerisch überlegte, sagte Wilhelm „Vielleicht schauen wir mal auf die magische Schriftrolle. Die haben wir ja letztes Jahr mitgenommen. Wenn Schrift durch Magie verschwinden kann, dann kann sie doch auch durch Magie wiederkommen. Klingt logisch, oder.“ Wilhelm war sichtlich stolz auf diesen doch irgendwie sehr abwegigen Gedanken. Mia war schon aus dem Zimmer geflitzt, um die Schriftrolle zu holen.

„Und nun?“, fragte sie. „Weiß ich auch nicht, aber ich glaube, die magische Schriftrolle ist unsere einzige Chance“, antwortete Wilhelm und dachte insgeheim: „Wenn ich unser gemeinsames Abenteuer im magischen Bücherschrank letztes Jahr nicht selber miterlebt hätte, dann würde ich jetzt von mir denken, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe.“

Er war schon ganz schön hin und hergerissen, ob er sich mit Mia bemühen sollte, wieder in den Schrank zu kommen. Einerseits war es letztes Jahr ein großes Abenteuer, mal in Hogwarts gewesen zu sein oder mit Nils Holgersson und den Wildgänsen ein Stück mitgeflogen zu sein, aber zwischendurch hatte er schon große Angst gehabt, dass sie für immer im Bücherschrank bleiben würden. Die Lösung war nicht einfach gewesen und wirklich in letzter Sekunde hatten sie diese herausgefunden. Selbst wenn sie einen Weg hineinfänden, wer sagt denn, dass es auch einfach wieder hinausgehen würde. Sie hatten es schließlich mit Magie zu tun und kannten die Regeln nicht, welche hinter der Magie steckten.

Trotzdem, um Mia nicht zu enttäuschen, nahm er die Schriftrolle in die Hand. Sie war leer. Es stand nichts mehr drauf. Es war einfach nur ein Stück Papier. Fragend schaute er zu Mia. „Letztes Jahr begann unser Abenteuer am 1. Dezember und wir waren beide am Bücherschrank. Heute ist der 1. Dezember. Es wird schon dunkel und ich muss bald nach Hause. Ich glaube wir lassen das besser.“ Mia starte Wilhelm entgeistert an, stampfte mit dem Fuß und schrie, „Du hast es mir aber versprochen!“, drehte sich wütend um und grummelte „Typische Erwachsene!.“ Mit knallender Tür verließ sie das Zimmer. „Sie wird sich schon wieder beruhigen“, dachte er zuversichtlich, rief noch ein lautes Tschüss und machte sich auf den Weg nach Hause.